Anna Rosling Rönnlund ist Autorin von „Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.“ Die Daten-Expertin zeigt hierin, warum unser Weltbild – geprägt von Katastrophen, Kriegen und Ungerechtigkeiten – nicht der Realität entspricht. Statt Fake News zeigt sie Fakten – auch bei uns auf der #shh19. Wir konnten Sie vorab zum Interview sprechen.

solutions.hamburg: Sie haben “Factfulness” 2018 veröffentlicht. Das Konzept an sich verfolgen Sie bereits eine deutlich längere Zeit. Wie würden Sie dessen Auswirkungen und Einfluss beschreiben?

Anna Rosling Rönnlund:Wir haben vor fast 20 Jahren begonnen, zusammen an dem Thema zu arbeiten. Am Anfang haben wir versucht, die globalen Statistiken über die Welt für die Menschen zu visualisieren. Was nach und nach „Factfulness“ führte: Wir hatten das Gefühl, dass das bloße Zusammentragen der Informationen und die Visualisierungen und von uns entwickelten Tools nicht ausreichen würden.

Denn das Haupthindernis blieb bestehen: Wie bekommen wir unseren faktenbasierten Ansatz in die Gehirne der Menschen? Dann haben wir versucht herauszufinden, was in den Köpfen der Informationsempfänger vor sich geht. Dass das Buch tatsächlich eine so große Reichweite und Wirkung an verschiedenen Orten hatte, überraschte uns dann jedoch schon.

solutions.hamburg: Wer über Fakten spricht, kommt zurzeit auch nicht an „Fake News“ vorbei. Beobachten Sie ein wachsendes Interesse an Fakten? In Zeiten von Fake News, als eine Art Gegenpol?

Anna Rosling Rönnlund: Ja. Im Buch erwähnen wir Fake News überhaupt nicht, weil unser Hauptinteresse darin bestand, dass Menschen sich in Bezug auf die Welt irren können, selbst wenn die Informationen tatsächlich da draußen sind. Die meisten Informationen, die wir um uns haben, sind ziemlich genau. Aber wir liegen trotzdem völlig falsch. Fake News sind ein großes Problem, weil sie Diskussionen und Entscheidungen  beeinflussen können. Aber eigentlich sind Fakten und Informationen ja vorhanden. Nur wird unser Hirn falsch informiert. Die großen Diskussionen um Fake News können zudem sogar dazu führen, dass die Menschen den faktenbasierten Medien nicht mehr vertrauen – Informationen an sich dann auch nicht mehr. Das halte ich für sehr gefährlich.

“Factfulness” zeigt den Menschen, dass es Wege gibt, mit Informationen anders umzugehen. Es gibt Möglichkeiten, besser im Griff zu haben, was Informationen mit uns machen und wie wir sie für uns selbst einordnen, interpretieren und eine Meinung daraus ableiten.

solutions.hamburg: Wie schwer ist es, Menschen von Fakten zu überzeugen und Meinungen zu ändern?

Anna Rosling Rönnlund: Meinungen lassen sich nur schwer beeinflussen. Wir beginnen alle mit Meinungen, wenn wir uns ein Bild von der Welt machen, und malen sie hier und da mit ein paar Fakten aus. Vom Irrtum können wir jemanden nur überzeugen, indem wir der Person Neugierde und Demut lehren. Dazu sollten wir den Zugang zu neutralen Daten ohne politische Agenda sicherstellen – die Kombination aus beidem hat aus unserer Sicht den größten Effekt.

solutions.hamburg: Wie Sie in Ihrem Buch hervorheben, machen langsame Veränderungen und allmähliche Verbesserungen kaum Schlagzeilen. Arbeiten Sie, seit Sie ein so erfolgreiches Buch geschrieben haben, vermehrt mit Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen und anderen Medien zusammen?

Anna Rosling Rönnlund: Auf gewisse Weise ja. Auch, wenn wir keine formellen Partnerschaften eingegangen sind, so haben unsere Tools schon einen Einfluss auf die Arbeit von Journalisten. Wir können es in der Art der Berichterstattung sehen, dass es von den Autoren Hinweise auf Aspekte des Buches gibt. Die Werkzeuge, die wir auf gapminder.org bereitstellen, haben zudem einen Platz in der täglichen Arbeit von Journalisten gefunden.

solutions.hamburg: Vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf Ihre Keynote „For a fact-based worldview“ am Mittwoch auf der #shh19.

Es gibt eine Umfrage zur Keynote von Anna. Machen Sie mit! Die Ergebnisse fließen live in den Vortrag mit ein.